Mittwoch, 7. Dezember 2011

Der geheime Mäzen von Görlitz

Es ist ein sächsisches Märchen: Kurz vor dem Frühling landet alle Jahre wieder eine halbe Million Euro auf dem Konto der Stadt Görlitz. Der Spender will anonym bleiben - und die Einwohner wollen es auch gar nicht wissen. Sie renovieren lieber fleißig ihre Altstadt.


 Görlitz - Man schrieb das Jahr 1995, als ein Unbekannter der Neißestadt Görlitz 100.000 Deutsche Mark spendete. Die Freude war groß. Und sie wurde noch größer, als der Anonymus noch im selben Jahr eine Million Mark folgen ließ. Ab dann floss jedes Jahr eine Million. Die Spende wurde zur Institution.
So kam auch kürzlich wieder die warme Gelddusche ins Stadtsäckel: 500.000 Euro. Und Oberbürgermeister Rolf Karbaum hat noch einen weiteren Grund zu Jubeln: "Vier Wochen früher als im vergangenen Jahr, eine doppelte Überraschung." Denn eine Überraschung ist die Zuwendung stets aufs Neue, garantiert hat der Spender nichts. Doch in Görlitz tut man alles Nötige, damit die Quelle nicht versiegen möge. Daher darf der edle Spender - ohne Angst vor Nachforschungen - anonym bleiben, das Geld wird für die Altstadt verwendet.
"Es muss jemand sein, dem das Geld nicht weh tut. Vermutlich ist er also nicht hier ansässig. Wahrscheinlich ein älterer Herr mit einer Beziehung zu Görlitz," vermutet Kerstin Scholz von der städtischen Pressestelle. Womit sie eigentlich schon zu viel gesagt hat. Denn sie sagt auch: "Wir haben ein Interesse daran, nicht zu spekulieren."
Das besorgen derweil andere. Die "Bild"-Zeitung beispielsweise, die vor zwei Jahren berichtete, der Schokoladenerbe Thomas Sprengel sei der heimliche Millionenspender. Das dementierte der Oberbürgermeister - obwohl der angeblich auch nicht weiß, wer der Unbekannte ist.
Nur der Anwalt des Anonymus ist bekannt: Er sitzt im fünfköpfigen "Kuratorium Altstadtstiftung", das 1995 flugs ins Leben gerufen wurde und nun in jedem März darüber bestimmt, wer etwas vom Geldsegen abbekommt. Bis zum 15. Dezember können Anträge gestellt werden. Möglichst viele Antragsteller werden bedacht, nicht unbedingt mit der vollen gewünschten Summe. Im Nachhinein bekommt der Spender dann über seinen Rechtsanwalt eine Dokumentation mit vielen Fotos der frisch sanierten Objekte.
Bedürftige gab und gibt es in Görlitz viele. 4000 denkmalgeschützte Gebäude stehen in der 63.000-Einwohner-Stadt, die meisten davon waren Anfang der neunziger Jahre in einem äußerst schlechten Zustand. Auch in Görlitz kursierte zu DDR-Zeiten der Slogan "Ruinen schaffen ohne Waffen". Und in der Stadt machen sich auch heute noch Investoren rar, es fehlt "an allen Ecken und Enden", sagt Kerstin Scholz.

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